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Nicole Schlegel

(September 2012 bis Januar 2013)

Es sind Skizzen, feinnervige Kritzeleien, lose formulierte Zeichen, Linien und Formen, die das künstlerisch Essentielle im noch jungen Werk von Nicole Schlegel bilden. Wie Engramme wirken sie, jene Erlebniseindrücke, die Gedächtnisspuren hinterlassen. Oder wie Urbilder in der Seele des Menschen, die tief aus dem Unterbewusstsein kommen.

Es sind kleinen Zeichnungen, im Format 15 x 15 cm, die in der Zuschreibung zwischen kindlich-naiv und existenziell-metaphorisch oszillieren und die den Vergleich zur Outsider Art nahelegen. Sie dienen als Vorlage und Impuls für größere malerische Papierarbeiten, die seit 2010 in einer von Aufbruch und Gestaltungswillen bewegten Schaffensphase entstanden sind.

Nicole Schlegel beschäftigt sich intensiv mit C. G. Jung. Aktive Imagination und Archetypen, also bestimmte Bilder, Motive und Symbole, die sich immer wiederholen, ohne dass bestimmte Kulturen voneinander beeinflusst wurden, sind Phänomene, die sie zum Zeichnen und Malen führen.

Ein erster Schritt im Prozess des schöpferischen Gestaltens ist es, sich auf die im Unterbewussten auftauchenden Bilder einzulassen, sich ihnen zu stellen und in sie hineinzugehen. Der eigentlich künstlerische Akt ist dann das Freisetzen der zeichnerischen wie assoziativ-gestalterischen Phantasie. Hier gilt es, Teile des Unbewussten ins Bewusst- sein zu überführen. Ergebnis ist die Zerlegung und Vereinfachung der biografisch verwurzelten Rückbesinnungen der Künstlerin, die zwar als solche erkennbar bleiben, trotzdem aber etwas Abstraktes haben. Zeichenhaft, symbolisch, assoziativ, mystisch deuten die kleinen Skizzen auf die Komplexität von Psyche, Seele, Intellekt, Erinnerung und Gegenwart hin. Mit der Sprache der umschreibenden Linie nähert sich die Künstlerin ihren Imaginationen an und bringt das scheinbar Disparate, Kontextlose, Imaginierte zusammen. Die innere Bildwelt reicht von einzelnen unbewussten Figurenkonstellationen bis zu Szenen, die die Betrachter in ein Netz aus assoziativen Bezügen und verwirrenden Zusammenhängen einspinnen.

Der künstlerische Weg führt Nicole Schlegel von diesen kleinen Skizzenblättern zu zartfarbigen, von Überlagerungen farbig transparent gehaltener Raumschichten geprägten Papierarbeiten. Freskengleich bearbeitet die Künstlerin zunächst ihren Untergrund. Sie verwandelt mit der Kraft der Malerei die Energie in Materie, in dem sie aus Farbe eine stoffliche Substanz macht, sie schichtet und überlagert. Beim Auftrag des Pigments offenbart Farbe ihr Wesen und ihren Charakter. In ihr ruhende Kraftreserven werden freigelegt und wirksam. Das Farbpigment ist immer körperlich, ist immer ein Stoff, den es zu beseelen gilt. Dann wächst Farbe über ihre Tiefe und Materialität nach vorn und hinten, nach oben und unten hinaus in die Anteilnahme des Raumes hinein. Einfacher ausgedrückt: Durch Farbe wird Malerei auf der Fläche zum Raum.

In diesen Raum hinein zeichnet Nicole Schlegel die fragilen Figurationen, Motive und Fragmente aus den Skizzen. Trotz einer eher introvertiert wirkenden, auf eine imaginäre Innenwelt hin ausgerichteten Erscheinung scheinen die Figuren eine Art Eigenleben zu führen, das den BetrachterInnen einen Kommunikationsraum öffnet. So ergeben sich narrative Momente im Dialog zwischen Kunst und Betrachtung. Aber es ist kein lineares Erzählen im Sinne einer fortschreiten- den, auf ein Ende zusteuernden Handlung, sondern einer räumlichen, tiefenschichtlichen Erzählung im Aufscheinen unterschiedlicher Wirklichkeitspartikel sowie narrativer Elemente scheinbar heterogener und unbewusster Herkunft, ohne dass diese konkret abbildhafte Züge annehmen würden. Auch Linien, Strukturen, Formen, Schatten können erzählen.

In ihren Werken verschränken sich bildhafte Erinnerungs-, Traum- und Bewusstseinsströme mit der Flüchtigkeit der Vergegenwärtigung und der malerischen Geste. Und in ihren Kompositionen enthüllt sich das Nichtsichtbare der menschlichen Existenz: Träume, Ängste, Gefühle, Stimmun- gen. Darin zeigt sich auch Nicole Schlegels Suche nach dem Ursprungshaften des menschlichen Seins mit all‘ seinen Eigenheiten, Merkmalen, Brüchen und Tiefen.

Bemerkenswert ist in diesen Arbeiten das Gleichgewicht zwischen zeichnerischer Setzung und sinnlicher Einfühlung durch Farbe. In ihren Werken erreicht Nicole Schlegel mit einer nuancierten Farbbehandlung eine malerische Homogenität, so dass die Farben vor und über raumlosen Grund zu schweben scheinen. In manchen Arbeiten flirrt die Farbe über die Fläche, in anderen wird sie atmosphärisch eingesetzt und schließlich nutzt die Künstlerin Farbe auch, um Schatten und Körperformen zu modellieren. Die Farbe des Himmels ist Blau, die der Bäume und Wiesen Grün. So setzt die gegenständliche Malerei Farbe ein. Aber Nicole Schlegel beschäftigt nicht der Gegenstand als solcher, nicht die äußere Form der Dinge, sondern die Idee einer sichtbar gemachten Entmaterialisierung, Imagination und Urkraft. Weil die Künstlerin das Licht subtil mit- malen lässt, schweben ihre Bildoberflächen und Farben zwischen Verdichtung und Leichtigkeit, Licht und Finsternis, Dynamik und Ruhe. So fühlt man in den Bildern von Nicole Schlegel, dass Farbe eine geistige Kraft ist. Ihre Arbeiten haben eine Sinnlichkeit, die sich nicht im oberflächlich Dekorativen erschöpft, sondern eine mit Brüchen und Gefährdungen, die sich selbst nicht sicher ist, eine, in die man sich verstrickt.

Text von Andrea Brockmann